Vom Weitermachen, dem inneren Kritiker und Glück

Dieses Gefühl, die Kamera an die Wand pfeffern, wahlweise die Sonne oder die Wolken verfluchen zu wollen und die Motive zum Mond zu schießen, kennt ihr das? Tolle Bilder hatte ich mir von der Fototour versprochen, mir die schönsten Blumen vorgestellt und die Landschaften sollten in ihrem Glanz erstrahlen und das alles gebannt auf ein Foto aus meiner Kamera, mein Auge sieht – mein Kopf denkt – mein Finger drückt den Auslöser, und heraus kommt…Murks, Müll, Schmarrn – absolut NICHTS brauchbares.

In meinem Hinterkopf flüstert meine Erinnerung den Satz:

            “You first 10.000 photographs are your worst.”
            (Henri Cartier-Bresson)

Und ich beginne nachzurechnen – die zweitausend Pferdefotos zwischen elf und dreizehn, die 500 Familienfotos und die 600 Möchtegernmodelfotos mit meiner besten Freundin in demselben Zeitraum. Dazu bestimmt locker 4000 Fotos, die unter das Thema Fotografie fallen, die hinzugekommenen Pferdefotos, Familien- und Urlaubsbilder…Oder sind mit den 10000 vielleicht die besten ersten Bilder gemeint und der ganze Ausschuss zählt gar nicht…?

Langsam verfalle ich in Panik. Werde ich jemals gute Fotos machen, werden sie jemals aussehen wie die meiner fotografischen Vorbilder, wird diese Unfähigkeit einmal der Fähigkeit weichen eine Kamera in die Hand zu nehmen, zu schauen, zu denken, den Auslöser zu drücken und ein gutes Foto zu schießen???

Die Kamera verschwindet also wieder in der Tasche (wo sie bisweilen eine lange Zeit verbringen muss, bis ich wieder genug Selbstvertrauen gefasst habe, um sie herauszuholen) und mit miesepetrigem Gesicht laufe ich nach Hause und versuche die Zeit zu nutzen, um mich ein bisschen auf den Boden der Tatsachen zu bringen, die da wären:

1. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.

Okay, aber ich übe doch schon soooo viel. Und ich lese Fotobücher und Blogs, schaue mir Bilder an, suche nach meinen Schwächen…

Na klar tue ich das! Aber das macht sich doch nicht von einem Tag auf den anderen bemerkbar, denn…

2. Verbesserung braucht Zeit.

Etwas in der Theorie verstanden zu haben, bedeutet nicht, dass es auch in der Praxis funktioniert. Wenn ich behaupte, es ist ein erstrebenswertes Ziel glücklich zu sein, dann werden mir die meisten zustimmen. Und wenn ich nun behaupte, die Mittel zum Glück seien eine Leidenschaft, ein Auge für die Kleinigkeiten und Wesen, die beides mit uns teilen, dann werden vielleicht einige neugierig sein und nach dem Warum fragen und ich könnte es ihnen erklären. Womöglich werden sie so neugierig sein und so vernarrt darin dieses Ziel zu erreichen, dass sie es ausprobieren werden.

Sie kennen das Warum und das Wie, aber es ist doch selbstverständlich, dass der Weg zum Glück Stolpersteine liegen. Genauso verhält es sich mit dem Weg zum guten Foto.

3. Verbesserung bedarf Durchhaltevermögen.

Stellt euch vor, wir würden alle unser Ziel glücklich zu werden aufgeben, weil wir noch keine Leidenschaft gefunden haben oder die kleinen Dinge im Leben noch nicht sehen können oder weil wir noch niemanden haben, der dies mit uns teilt – das wäre absurd. Also brauchen wir über Aufgeben gar nicht nachzudenken, weder auf unserer Suche nach Glück noch auf der Suche nach guten Fotos – Weitermachen, weitermachen, weitermachen ist die Devise!

Vielleicht fragt sich der ein oder andere, ob wir dann unglücklich sein sollen, bis wir alle drei Teile zum Glück gefunden haben. Und sollen wir unzufrieden sein, bis wir nur noch gute Fotos schießen? Natürlich nicht! Denn das ist einer der wichtigsten Punkte:

4. Verbesserung baut auf dem, was schon da ist.

Wenn wir das anerkennen was wir erreicht haben und darauf stolz sind, bestärken wir einerseits das was wir richtig gut machen. Die Motivation steigt und Rückschläge können uns nicht so schnell an den Rand unserer Beherrschung bringen (was der teuren Kamera eindeutig guttut), wenn wir uns vor Augen halten, dass zwischen all dem Ausschuss auch gute Fotos sind und dass all die Fehler uns auch anspornen uns zu verbessern. Außerdem ist es viel leichter etwas wachsen zu lassen, das schon da ist, als etwas völlig Neues zu pflanzen.

DSC_1412

Ich hoffe, mit diesen Gedanken konnte ich auch euren inneren Kritiker, der nach rasend schnellem Fortschritt schreit, etwas besänftigen. Lasst euch Zeit, macht weiter und habt Spaß, denn auch das gehört zum Glück!

Weiterhin fröhliches Fotografieren,
Anni :)

3 Gedanken zu „Vom Weitermachen, dem inneren Kritiker und Glück

  1. Sonja Cremer

    Du hast wirklich alle wichtigen Punkte aufgezählt.

    Aber dennoch ist es trotzdem nicht immer einfach sie auch zu beherzigen. Vor allen Dingen, weil auch nach Fortschritten, die man gemacht hat, auch wieder Rückschritte kommen können. Zeiten, wo man auf der Stelle zu treten scheint. Ich hatte jetzt ca. ein dreiviertel Jahr so ein Loch. Es fühlte sich an, wie eine Schreibblockade bei den Schriftstellern. In dieser Zeit habe ich mich nicht zum fotografieren gezwungen, weil es dadurch noch schlimmer wurde. Nur so ein bisschen eben, wenn ich doch mal ein wenig Lust dazu verspürte und siehe da… irgendwann ging auch das vorrüber. Ich bin zwar nie zufrieden und schaue auch neidisch auf andere Fotos, aber ich glaube das tut jeder. Jeder meint, die die er anderen sind immer besser. Aber wie Du schon sagtest, man muss auf sich stolz sein, auf das was man erreicht hat. Sonst nimmt man sich den Spaß und der ist letztendlich alles was zählt. Wenn ein Hobby keinen Spaß mehr macht, dann macht man es auch nicht gut. 

    Liebe Grüße

    Sonja

    Antworten
  2. Anni Artikelautor

    Hallo Sonja,

    danke für deinen lieben Kommentar! :)

    Solche Löcher kenne ich auch, sowohl in der Schreiberei als auch in der Fotografie – manchmal scheint einfach nichts mehr zu gelingen und Spaß zu machen. Oft mache ich dann auch Pausen, merke dabei jedoch, dass sie länger werden, als sie nötig sind. Wenn ich es stattdessen zwischendurch einfach probiere, merke ich manchmal, dass dieses Loch ein recht kleines war und dass meine geringen Aus-dem-Loch-krabbel-Erwartungen mir dabei helfen meine Ergebnisse wieder positiver zu sehen.

    Liebe Grüße,
    Anni :)

    Antworten
  3. Kai R.

    Ich habe mal den Begriff "Lust- /Frustkurve" gelesen. Solange diese tendentiell nach oben geht ist doch alles gut ;-) .

    Du hast das schön beschrieben Anni.  Manchmal will einfach nichts geraten…. aber irgendwann gelingt doch wieder mal ein Bild, dass einem Freude bereitet. Und wenn man sich seine "Werke" über einen längeren Zeitraum betrachtet, wird man in der Regel auch feststellen, dass sich doch etwas zum Positiven geändert hat.

    Ich habe selber gerade einen Blogartikel über Blumenfotografie geschrieben (ist halt gearde die Blumenzeit). Ähnlich eurem schönen Pusteblumenartikel. Dabei habe ich "alte" Bilder heraus gekramt und mit neueren verglichen… mir hat das Freude bereitet ;-) .

    Man ändert sich selbst, es ändert sich auch die Einstellung, mit der man Bilder betrachtet. Wie hat man sich am Anfang über die tollen Farben, die Details oder die Schärfe eines Bildes gefreut. Wenn man es sich ein paar Monate/Jahre später anschaut denkt man .. was habe ich denn da für einen Mist fototgrafiert.

    Wenn man sich also ärgert, dass einem nichts gelingen will…. vielleicht mal die frühen Werke betrachten und anschließend die neuen …. vielleicht baut das ja auch wieder auf ;-) .

    Gruß Kai

    Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>