Bildanalysen – Teil 3: Bildaussage von Gähn- und Geschichten-Bildern

Mit einem guten Foto ist es ähnlich wie mit einer guten Geschichte – es hat einen Anfang, einen Mittelteil, ein Ende und eine Aussage, mindestens eine klitzekleine Aussage. Diese Aussage kann einfach nur eine Stimmung oder ein Gefühl sein wie Trostlosigkeit oder Wut. Es kann sich aber auch um eine richtige kleine Story handeln. Dies gelingt vor allem mit Lebewesen, die in irgendeiner Form handeln. 

Eine Maus, die in ihrem Loch verschwindet, ein Schmetterling im Anflug auf eine schöne Blume oder ein Mensch, der auf etwas zeigt, all das kann dem Betrachter eine Geschichte erzählen (von nicht zu missachtender Bedeutung ist dabei die Blickführung).

neue Jahr
Es gibt unendlich viele Möglichkeiten. Am besten man sucht nach einer Bildaussage, die mehr als “Das Licht ist so schön.” zeigt. Manchmal jedoch reicht sogar das, um ein Bild zu erzeugen, das beim Betrachter mehr hervorbringt, als ein müdes Gähnen.

Ich bin so mutig und zeige euch eines meiner schlimmsten “Gähn-Bilder” ;) :

Bildaussage
Unschwer zu erkennen, war das Licht sogar recht schön. Genauso leicht zu bemerken – das hilft hier leider gar nicht.

Wir haben eine schöne grüne Knospe, die sich ein wenig öffnet, etwas schräg einfallendes Gegenlicht und im Hintergrund sind noch ein paar Bäume und deren Äste zu erkennen. Eine Beziehung lässt sich nur zwischen der Sonne und der aufgehenden Knospe setzen.

Der Anfang dieses Bildes ist die Knospe als Blickfang. Danach kommt unverzüglich der Schluss, der graue triste Hintergrund. Dazwischen ist nichts, außer der Erkenntnis, dass die Sonne scheint. Es fehlt die Bildaussage.
Dafür werde ich wohl von niemandem mehr als einen müden Blick ernten.

Zur fehlenden (beachtenswerten) Bildaussage kommen noch einige andere grobe Fehler hinzu:

  •  nicht die Knospe ist scharf, sondern der Stängel
  •  die Knospe und der Stängel liegen genau über den beiden störenden Bäumen im Hintergrund
  • das Bild muss entgegen der Leserichtung betrachtet werden
  • das Bild hat einfach nichts besonderes, es gibt keinen Grund sich an dieses Bild zu erinnern
  • es ist nicht “schön”

Bestimmt hätte ich aus diesem Motiv mehr herausholen können, wenn ich mich in Bewegung gesetzt und meine Augen wirklich aufgemacht hätte. Dann hätte ich eine bessere Perspektive, einen interessanteren Bildausschnitt oder einen passenderen Hintergrund gefunden. Vielleicht wäre in der Umgebung auch etwas gewesen, das ich in Beziehung zu der Knospe hätte setzen können, wie zum Beispiel eine vollständig geschlossene oder eine weiter geöffnete Knospe, sodass das Bild eine Entwicklung gezeigt und zugleich einen untergeordneten Eyecatcher bekommen hätte.


Immer noch nicht atemberaubend, aber etwas besser ist es mir hier gelungen:

Bildaussage
Die unterschiedlich weit geöffneten Knospen zeigen eine Entwicklung und werden so zu einer kleinen Bildaussage.
Außerdem kann man dieses Foto in der Leserichtung betrachten, was es für das Auge angenehmer macht.

Achtet also nicht nur auf die Kleinigkeiten, die in eurem Foto stören können, sondern auch auf das große Gesamtkonzept. Zwar kann man eine Suppe ohne Salz kochen, jedoch ist es weitaus schwieriger eine leckere Suppe ohne Salz zu kochen als mit.
Begebt euch auf die Suche nach Bildaussagen, nach Bewegung, Handlung, Stimmung oder Gedanken und versucht sie einzufangen.

Viel Freude dabei,
Anni :)

Zu weiteren Artikeln dieser Serie:

Bildanalysen – Teil 1: Chaos 
Bildanalysen Teil – 2: Blickführung und Blümchen 

2 Gedanken zu „Bildanalysen – Teil 3: Bildaussage von Gähn- und Geschichten-Bildern

  1. Kai R.

    Ich bin heute über Deinen Blog gestolpert und muss sagen, er gefällt mir sehr gut. Dein Bildanalyse Thread ist prima. Vor allem auch wegen der nicht so gelungenen Beispiele. Das veranschaulicht die Thematik gut.

    Gruß Kai

    Antworten
    1. Jana

      Hallo Kai,

      schön dass du auf Pixelschaaf vorbei geschaut hast! Es freut uns, dass dir unsere Bildanalyse Reihe so gut gefällt. Wir werden sie auf jeden Fall auch in Zukunft weiter führen. :)

      Grüße von Anni und Jana.

      Antworten

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